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24.04.2007    10:07 Uhr   
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Tokio Hotel
Bill Kaulitz
Foto: AFP

Visual Kei auf Deutsch

Warum Tokio Hotel
so aussieht wie Tokio Hotel

Bill Kaulitz` schwarz geschminkte Augen sind mehr als Mode - die Geschichte einer kulturellen Rückkopplung.
Von Klaus Raab

Wenn es einen Ort gibt, der Gwen Stefani, Marilyn Manson und Tokio Hotel eine gemeinsame Geschichte gibt, dann ist das wohl Harajuku. Harajuku ist ein Bahnhofsviertel in Tokio, und als das für die Marke "Hello Kitty" bekannte Unternehmen Sanrio einmal für jeden bekannten Teil Tokios eine charakteristische Kitty herstellte, bekam Harajuku ein schwarzes, wüst geschminktes Katzenpaar.

Hier hat sich die Rockband X, später X-Japan, vor fast 25 Jahren die visuellen und musikalischen Ideen von optisch exzentrischen Metalbands wie Kiss, Iron Maiden und den deutschen Helloween angeeignet. X-Japan brachten die Poser-Metal-Frisuren, Haarfärbemittel, schwarz-rote Lacklederklamotten und einen Hang zum Androgynen auf die Straßen Tokios, was im schuluniformierten Japan durchaus einen subversiven Einschlag hatte. X-Japan waren Pioniere der japanischen Jugendkultur Visual Kei, zu deutsch etwa "visueller Stil". Und Scharen von Jugendlichen eiferten ihnen nach.

Wie aus einem Manga-Comic

Dass es dabei von Anfang an um Originalität und Individualität ging, sorgte für stete Veränderung. Visual Kei lebte durch die Vermischung der neuen Optiken mit japanischen Elementen: Bald sahen Jugendliche in Harajuku aus wie lebende, aus einem viktorianischen Mädcheninternat ausgebrochene Figuren aus Manga-Comics. Sie ließen bunte Anime-Elemente und Ideen aus dem traditionellen Kabukitheater einfließen. Inzwischen ist Visual Kei in Harajuku in einen heterogenen visuellen Freestyle übergegangen.

Visual Kei ist wie Second Life ohne Internet: eine Möglichkeit, ein anderes Ich zu kreieren. Nur dass der Avatar nicht virtuell ist - er steckt im eigenen Körper: Morgens ist Schule, und nachmittags ist zweites Ich. Solche Formen der Ego-Aufhübschung sind kultur- und zeitübergreifend, doch in Japan wird die Kunst der Verkleidung mit wechselnden Moden und Stilen schon seit Jahrhunderten vielfältig praktiziert.

Schon im berühmten Roman "Die Geschichte vom Prinzen Genji" der Hofdame Murasaki aus dem 11. Jahrhundert ist von Distinktion durch Schönheit, von einwandfreien Farbkombinationen und so etwas wie metrosexuellen Gesichtszügen die Rede. Ob in Kunst, religiösen Zeremonien, Strip Shows oder nun Visual Kei - seit jeher ist die Lust an der theatralischen Inszenierung ein verbindendes Element japanischer Kultur. Und so ist sehr japanisch geworden, was mit der Adaption westlichen Rockglamours begann.

Bei der rückläufigen Adaption kommen dann Gwen Stefani, Marilyn Manson und Tokio Hotel ins Spiel. Erst gingen die Zeichen aus dem Westen nach Japan. Als japanisches Phänomen, mit neuen Bedeutungen gefüllt und um zahlreiche populäre Elemente ergänzt, schwappten sie im Zuge der wachsenden Popularität von Mangas und Anime-Serien über das Internet vor einigen Jahren wieder zurück.

Brian Warner, der Marilyn Manson verkörpert, ist mit Hideto Matsumoto, einem Mitglied der Visual Kei-Pioniere X-Japan, befreundet gewesen; Mansons rothaarige Phase war Matsumotos Einfluss. Gwen Stefanis Begleiterinnen auf einer Tournee hießen "Harajuku Girls". Star und Tänzerinnen sahen dabei aus, als seien sie einem Manga-Comic entsprungen.


Und wie Stefani und Manson ist auch der wild frisierte, androgyn geschminkte Bill Kaulitz in seinem Bereich eine Stilikone. Kaulitz, dessen Band mit dem diesbezüglich vielsagenden Namen Tokio Hotel auch eine japanische Version des Songs "Durch den Monsun" aufgenommen hat, ist optisch ein Paradebeispiel für Visual Kei.

Wenn man aber deutsche Visual-Kei-Anhängerinnen ärgern will, muss man sie nach der deutschen Teenagerband fragen, auf die all ihre Schulkolleginnen stehen. Die Antwort wird lauten: "Tokio Hotel ist das Letzte, echt." Der Vorwurf lautet, hier werde der Visual-Kei-Stil ausgebeutet.

Neulich gab es eine Autogrammstunde, als die japanische Rockband MUCC aus dem Visual-Kosmos in Deutschland zu Gast war. MUCC gehört neben Dir en Grey und D'Espairs Ray zu den heute wichtigsten Bands, die Visual Kei hervorgebracht hat. Die Bravo hat sie als Thema entdeckt, man findet zahlreiche Berichte über MUCC und andere japanische Bands in dem Jugendmagazin, das einst auch Tokio Hotel berühmt machte.

Die vier Musiker saßen im Manga-Laden "Neo Tokyo" in München Schwabing. Davor warteten rund 100 Fans, die bei der Verlosung der Teilnahmeplätze gewonnen haben. Sie waren vornehmlich schwarz verpackt in Gothic-Lolita-Rüschenkleider, Ledermäntel, Ringelstrümpfe und Totenkopfshirts. Sie trugen Frisuren wie aus düsteren Manga-Comics, Sicherheitsnadelschmuck, Plateau-Lackstiefel und Nieten.

Einige Passanten wechselten die Straßenseite, als sie die Menge sahen, manche schüttelten den Kopf. Kaum jemand zeigte keine Reaktion, und sei es nur ein Grinsen über die vermeintlichen Zombies.

Vereinnahmung einer Subkultur

Sie sind nicht wirklich Zombies, das ist das Missverständnis, über das sich die deutschen Visuals ständig aufs Neue mokieren. Sie sind noch nicht einmal melancholisch, sondern höchst fidel. Das Missverständnis beruht darauf, dass sie sich die Zeichen der Grufties und Dark-Waver angeeignet zu haben scheinen. Nur stimmt das eben so nicht. Wenn die Visuals eine gemeinsame kulturelle Herkunft haben, dann sind es Mangas, Anime-Zeichentrick, Cosplays und japanischsprachige Rockbands wie MUCC. Was sie verbindet, ist eine Affinität zu japanischer Populärkultur. Und eine gesunde Skepsis gegenüber dem Konsens.

Miya und Tatsurou von der Band MUCC lümmelten in der etwas gelangweilten Pose der interviewgeplagten Rockstars auf einem Ledersofa. Miya, der Gitarrist, trug ein Mickey-Maus-T-Shirt und Ballettschuhe. "Das Publikum in Deutschland ist anders als in Japan, viel mehr gestylt", sagte er. "Das Optische", sagte Tatsurou, "ist uns persönlich mittlerweile etwas zu viel geworden. In Japan sind unsere Fans zumindest bei den Konzerten eher lässig gekleidet." Und dann sagte Miya: "Tokio Hotel zum Beispiel ist eine typische Visual-Kei-Band. Mehr als wir."

Früher hätte man da wohl noch von der Vereinnahmung einer Subkultur durch den Mainstream gesprochen. Aber vielleicht muss man heute, da die Zeichen auf dem Weg zur Auflösung der Zuordenbarkeit sind, besser sagen, dass alles einfach immer nur weitergeht.

 

 

29.4.07 17:38
 


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